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Der Chindlistein bei Heiden




HEIDEN. Östlich von Heiden befinden sich viele markante Felsbrocken, die mit Schalen, Rinnen und Rutschen versehen sind. Der bekannteste ist der Chindlistein:

Frauen sollen mit entblösstem Hinterteil den Chindlistein hinunterrutschen, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern
und den erhofften Kinderwunsch in Erfüllung gehen zu lassen, heisst es im Volksmund. Chris Nowak, Kunst- und Kulturvermittlerin aus Heiden, sagt, dass dies jedoch ein Chindlistein-Mythos aus neuerer Zeit sei. Doch wie entsteht ein solcher Mythos? Steckt vielleicht doch ein wahrer Kern in der Geschichte? Eine zweite Überlieferung besagt, dass während Hungersnöten und in Kriegszeiten Kinder beim Stein versteckt worden seien. Hat der Fels daher seinen Namen?

Sinnsuche in der Steinzeit
Der Chindlistein auf der Flur Rasplen gibt sowohl Spaziergängern als auch Forschern viele Rätsel auf. Drei tiefe Rinnen ziehen sich über seine Oberfläche, in den Stein gehauene Tritte erleichtern den Aufstieg, eine steinerne Liege befindet sich auf der Südseite und in der senkrechten Felswand sind zwei wiegengrosse Höhlen zu sehen. Wer hat diese Merkmale geschaffen – und warum?

«Die Rinnen und Vertiefungen sind nachweislich von Menschenhand in den Stein gehauen worden und sind schon sehr alt», erklärt Chris Nowak. Eine genaue Datierung sei jedoch nicht möglich und auch wissenschaftliche Beweise über den Zweck der Merkmale seien nicht vorhanden. Der Chindlistein ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Mythos, der sich bis in die Neuzeit erstreckt.

Als Angabe für den Zeitraum der Entstehung der Rinnen und Schalen werden Funde am Bodensee herangezogen. In Arbon beweist die Fundstelle Bleiche, dass dort schon vor 5300 Jahren Menschen ansässig waren. Es ist also gut möglich, dass einige der Pfahlbauer vom Bodensee gegen Heiden hinaufzogen oder den Platz auf Rasplen für ihre Rituale auswählten. Bei dieser Überlegung spielt die Vegetation eine wichtige Rolle. Denn vor nicht allzu langer Zeit war das Gebiet um den Chindlistein noch völlig frei von Waldbeständen. In diesem Kontext bot sich von hier aus eine phantastische Rundsicht bis zum Bodensee hin. Dazu mutet die Wiese «auf Rasplen» wie ein Versammlungsplatz für Hunderte von Menschen an.

Ort von grosser Kraft
Christina Schlatter und Kurt Derungs beschäftigen sich in ihrem Buch «Quellen Kulte Zauberberge» ausführlich mit der Steinlandschaft bei Heiden.
In ihren Augen kann die Bedeutung und die ursprüngliche Funktion des Chindlisteins nicht losgelöst von den anderen Felsen im Gebiet um Rasplen betrachtet werden. Sie setzen die Steine in einen jahreszeitlichen Zusammenhang, der von Fruchtbarkeit und Wiedergeburt geprägt ist. So gehört der Chindlistein zu den Ahnensteinen, der die Seelen der Verstorbenen wieder auf die Erde bringt – durch die Geburt eines Kindes. Bei Schlatter und Derungs ist der Chindlistein nicht einfach eine Rutschbahn, die die Fruchtbarkeit steigern soll. Vielmehr ein spiritueller Ort der Seelenwanderung. Dabei sollen die Rinnen und Schalen rituellen Zwecken gedient haben.

In der Geobiologie wird dem Chindlistein auch ein erhöhtes Energiepotenzial zugeschrieben. Mit 15 000 Boviseinheiten sei er ein Kraftort, der seine Energie an die Umwelt weitergibt. Vielleicht hat dieser Umstand den Chindlistein zu einem Ort für Rituale werden lassen. Diese Energie könnte es auch sein, die bei Frauen mit Kinderwunsch die Empfängnisbereitschaft steigert.

Aber vielleicht sind die Schalen auch nur Auffangbecken für Regenwasser oder dienten der Gewinnung von Harz. Das Einritzen der Rinnen könnte einst ein Zeitvertreib der Hirten gewesen sein. Der Chindlistein wird sein Geheimnis wohl auch in nächster Zeit für sich behalten.

Vor Kannibalismus schützen
Für Chris Nowak steckt aber auch in der Geschichte mit den versteckten Kindern viel Wahres. «Ich kann mir gut vorstellen, dass in Zeiten grossen Hungers die Kinder weggebracht wurden, damit sie von den Erwachsenen nicht gegessen wurden.» Schliesslich sei heute erwiesen, dass dies in vergangenen Zeiten tatsächlich der Fall war. Auch vorstellbar ist, dass das Verstecken der Kinder in Kriegs- oder Seuchenzeiten den Fortbestand der Bevölkerung sichern sollte.

Heute liegt der Stein im Wald versteckt – keine Wegweiser machen auf die Kultstätte aufmerksam. Für Chris Nowak ist dies der moderne Mythos: «Da keine Touristenströme hingehen, bleibt der Chindlistein ein Mysterium.»

 

Quellen: Text- und Fotos dankend zur Verfügung gestellt von Monika Egli

Wir danken recht herzlich Frau Monika Egli,
der Chefredaktorin der Appenzeller Zeitung
für die Erlaubnis der Veröffentlichung ihres Beitrages und des Fotos zum Chindlistein!
zu erreichen unter: Kasernenstr. 64, CH-9101 Herisau, Tel. +41 71 354 64 28 * Fax +41 71 354 64 75 / Mail: m.egli@appon.ch * Web: www.appon.ch <http://www.appon.ch/>