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Quellheiligtum "St. Wolfgang" im Gauchsbachtal
östlich Schloss Kugelhammer

Das mittelalterliche Quellheiligtum"St. Wolfgang"
In einer im Nürnberger Staatsarchiv aufbewahrten Urkunde von 1361 erscheint die Ortschaft als "Rötembach an der Swarzach oberthalb Wenzelstein". Ab etwa 1550 wechselte der Ortsname zu "Röthenbach bei St. Wolfgang". Diese Benennung deutet auf eine bedeutende Andachtsstätte hin, bei welcher die Siedlung Röthenbach liegt. Heute sind von dem Jahrhunderte alten Wallfahrtsziel nur noch wenige Zeugnisse vorhanden, und selbst die einheimische Bevölkerung kennt den versteckt gelegenen, geheimnisumwitterten Platz nicht mehr. Nach der Überlieferung stand jedoch das alte Wolfgangsheiligtum im Gauchsbachtal unmittelbar östlich des Schlosses Kugelhammer. Einige in die dort anstehende Burgsandsteinwand eingeschlagene Nischen, Reste einer Steintreppe und die durch ein altes Holztor verschlossene Felsenkapelle sind die heute noch sichtbaren Rudimente der mittelalterlichen Heiligenverehrung.


Seit 1778 ist in der östlichen Felswand des Bachtales eine steinerne Gedenktafel eingelassen, welche folgende Inschrift trägt: "Zum Gedächtnis der hier gestandenen Kirchlein. Der Sage nach als Taufkapelle gegründet, von Heinrich Meichsner 1465 umgebaut, zwischen 1559 und 1560 durch Sigmund Fürer den Älteren erneuert, wurde das Letzte 1732, den 29. September durch Wasserfluthen zerstört. A. Schaffold, Nbg. 1878."

Wenige Meter nördlich dieser Gedenktafel befindet sich der durch eine massive Eichentür verschlossene Eingang zu einem, im anstehenden Burgsandstein angelegten Felsengewölbe. In diesen entspringen mehrere perennierende Quellen und speisen mit ihrer Wasserschüttung einen kleinen Teich in den unteren Partien dieser Felsengrotte. Die in der Neuzeit als Fischgrube missbrauchte Quellkammer stellt das bereits im Mittelalter angelegte Wolfgangsheiligtum dar.

Schloss Kugelhammer und der St. Wolfgangs-Kult:
Überliefert ist lediglich, dass der Wolfgangskult   auf den späteren Regensburger Bischof Wolfgang zurückgeht, der nach der Überlieferung als Gelehrter und Missionar wundertätig wirkte. Er wurde um 924 in Pfullingen bei Reutlingen (Württemberg) als Sohn freier, aber nur wenig vermögender Eltern geboren. Zunächst besuchte Wolfgang die Klosterschule in Reichenau/Bodensee und ging danach mit seinem Studienfreund Heinrich nach Würzburg, wo dessen Onkel Poppo, ein Verwandter des Königs, Bischof und Kanzler war. Als Heinrich 956 Erzbischof von Trier wurde, bestellte er Wolfgang zum Domscholaster, Domdekan und Kanzler.
Nach dem Tod Poppos wurde Wolfgang 965 Benediktiner im Schweizer Kloster Einsiedeln. Nach seiner Priesterweihe wirkte er an der dortigen Klosterschule als Lehrer. Im Jahre 972 ernannte ihn Kaiser Otto II . zum Bischof von Regensburg. Er war als Erzieher der Kinder des Bayernherzogs Heinrich II. des Zänkers (951 - 995) tätig. Als dieser 974 eine Verschwörung gegen den Kaiser anzettelte, um Otto II. zu entthronen und selbst die Krone zu erlangen, hielt Wolfgang seinem Kaiser die Treue und musste deshalb 976 nach Österreich fliehen. Wolfgang starb 994 und wurde im Regensburger Kloster St. Emmeram begraben.

Im Jahre 1052 wurde Wolfgang kanonisiert. Die religiöse Verehrung dieses Heiligen erreichte ihren Höhepunkt jedoch erst zwei bis drei Jahrhunderte später. Sie nahm ihren Ausgangspunkt vom Abersee (dem heutigen St. Wolfgangssee im Salzkammergut), wohin Wolfgang 976 geflohen war. Seit 1306 sind Wallfahrten zu dieser Lokalität überliefert und seit 1369 Ablässe für dieses Heiligtum nachweisbar.

Typisch für die Verehrung des heiligen Wolfgang ist ein Quellkult. Dieser hat seinen Ursprung in einer Legende: Als Wolfgang in einer
Felshöhle über dem Abersee wohnte, fehlte ihm das Trinkwasser und er schlug mit einem Stab an den verkarsteten Höhlenfelsen, aus welchen dann eine Quelle entsprang.

Im 15. Jahrhundert erreichte der Wolfgangskult seinen Höhepunkt: Große Pilgerzüge bewegten sich -- meist entlang der alten Salzstrassen -- nach Süden dem Salzkammergut zu. Diese Pilgerwege berührten auch andere Wolfgangskirchen und Wolfgangskapellen, welche dem Ur-Heiligtum vergleichbar ausgestattet waren. Im Nürnberger Gebiet zogen die Pilgerströme auf dem alten "Kugelhammerweg" durch den Lorenzer Reichswald und stiegen bei Kugelhammer über die 3,5 m breiten, in den anstehenden Burgsandstein geschlagenen Treppen in das Gauchsbachtal hinab. Deren Rudimente stehen - ihres oberen Teils und ihrer Basis durch die Erosion beraubt - noch heute nördlich des Quellheiligtums an. Nach Besuch der Röthenbacher St. Wolfgangsquelle führte der Pilgerweg weiter zum Nerrether Steg über die Schwarzach und von hier aus weiter nach Allersberg. Bei Regensburg wurde die Donau überquert, um schließlich im Alpenraum das Hauptheiligtum zu erreichen.

Das dem Röthenbacher Quellheiligtum benachbarte Hammerwerk in Kugelhammer wird erstmals in der Mitte des 14. Jahrhunderts genannt, muss aber schon länger bestanden haben. Der Bauernhof im Schlossbereich wird 1330 urkundlich als Zeidelgut des Heinrich Creutzer erwähnt. Um 1350 wurde neben dem Zeidlerhof ein "Steinhewslein" mit Mauer als Verteidigungsanlage errichtet. Diese Befestigungsanlage erhielt ihren Namen von dem Hammerwerk, welches die Wasserkraft des Gauchsbachs zur Verarbeitung des aus der Oberpfalz importierten Roheisens nutzte. Zunächst wurden Schmiedeeisenstangen, Drähte und Nägel hergestellt; später ging man zur lukrativen Herstellung von schmiedeeisernen Kanonenkugeln über. Von dieser Tätigkeit leidet sich auch der Name "Kugelhammer" her. St. Wolfgang galt als der Schutzheilige der mit der Waldrodung befassten Arbeiter; sein Attribut ist das Beil. Da in seiner Legende auch eine "Felserweichung" vorkommt, galt er weiterhin als der Patron der Bergknappen, der Schmelzer und der Hammerleute. Somit war aufgrund des in Kugelhammer ausgeübten Handwerks bereits die Basis für eine besondere Verehrung des Heiligen Wolfgangs gegeben.

Die Felsenkapelle St. Wolfgang:
Die zeitliche Entstehung der Röthenbacher Quellgrotte ist bis heute unbekannt. Die ersten christlichen Kirchen als Zentren der Missionierung in Deutschland wurden als einfache Holzkonstruktionen errichtet. Erst Karl der Große schrieb den Massivbau für Kirchen vor: Danach trugen dicke Steinwände eine flache Holzbalkendecke sowie ein strohgedecktes Dach. Massive Überwölbungen entstanden ab 1150, so dass sich aus den frühen rechteckigen Kirchenräumen Gebäude mit Westturm, Schiff, Querhaus, Chor und Apsis entwickelten.
Die Felsenkapelle bei Schloss Kugelhammer ist wie eine grosse christliche Kirche mit ihrer Apsis nach Osten orientiert: Diese halbrunde Altar-Nische galt in der kirchlichen Symbolik als Sinnbild der Auferstehung Christi und stellte bereits seit der christlich -byzantinischen Zeit den Ort für den Altar dar. Die Nord-, Ost- und Süd-Wände der Röthenbacher Felsenkapelle wurden aus dem anstehenden Burgsandstein herausgebrochen, wobei an den Felswänden die Spuren der Bearbeitung mittels Hammer und Schlegel noch deutlich erkennbar sind.

Der 12 m² grosse Raum wurde mit einer tonnenförmigen Decke aus gemauerten Steinsteinblöcken versehen sowie mit Erdmassen überdeckt, so dass sich das alte Wolfgangsheiligtum als höhlenartige, nach Osten orientierte Kapelle präsentiert. Die Länge der Felsengrotte wurde mit 5,5 m bestimmt; ihre Breite schwankt von 2,2 m bis 2,4 m und ihre Höhe von 2,1 m bis 2,6 m; insgesamt ergibt sich ein Rauminhalt von 29 m³.

Gegenüber dem Eingang der Felsenkapelle befindet sich genau in der Mitte ihrer Ost-Wand eine 1,1 m hohe, 0,8 m breite und 0,5 m tiefe Nische. Diese läuft oben in einem romanischen Bogen aus, unten weist sie eine Einkerbung für die Auflage von dicken Bodenbrettern auf. Aus den Felswänden im unteren Drittel der Nische ragen kleine Steinkonsolen heraus, welche früher wohl ein Holzbrett mit einer Heiligenfigur trugen. Links neben der romanischen Nische, in der Nordost-Ecke der Felsenkapelle, befindet sich die erste Hauptquelle des St. Wolfgangsheiligtums: Ihr Quellaustritt ist an eine mit 85° streichende und mit 10° nach Süden einfallende Schichtfläche gebunden. Eine zweite Quelle fliest an der Basis der romanischen Felsennische in der Ost-Wand aus einer mit 88° streichenden und mit 5° nach Süden einfallenden Schichtfläche. Weitere kleine Wasseraustritte befinden sich auf gleichen Höhenniveau an der Nord- und an der Süd-Wand. Alle diese Quellen der Felsenkapelle entspringen aus derselben schichtparallelen Trennfläche, welche wohl eine Störung darstellt. Diese Diskontinuitätsfläche wurde jedoch mit Rücksicht auf den historischen Charakter des Quellheiligtums nicht mittels Geologenhammer freigelegt und entzog sich somit einer näheren Betrachtung.


Die dritte, eigentliche Hauptquelle schüttet in eine 1,4 m hohe, 0,8 m breite und 0,4 m tief in die Süd -Wand der Felsenkapelle geschlagene Nische. Die Hinterwand dieser Nische wurde nicht senkrecht angelegt, sondern sie verjüngt sich nach oben und schließt mit einem Bogen ab. In ihrem untersten Bereich schüttet die Quelle aus einer mit 100° streichenden und mit 15° nach Südsüdwesten einfallenden Schichtfläche in ein künstlich angelegtes Wasserbassin, an dessen Nordost-Ende sich ein kleiner Wasserauslass befindet. Dessen heutige Tiefenlage unter dem jetzigen Wasserspiegel deutet auf die ursprünglichen, vorreformatorischen Gegebenheiten im Röthenbacher Quellheiligtum hin.

Dem Röthenbacher "Wolfgangswasser" schrieb man eine heilkräftige Wirkung zu: So sollte dieses Quellwasser bei Augenentzündungen, Kreuzschmerzen und Gliederreißen helfen.
Im Zuge der -- im Jahre 1533 zum Abschluß gekommenen -- Einführung der Reformation in Nürnberg erlosch jedoch auch der St. Wolfgangskult in diesem Landstrich. Die katholischen Wallfahrer mieden das protestantische Gebiet und das Heiligtum zerfiel, was für evangelisch gewordene Orte allgemein üblich war. Die Balken und Bretter im Kapellenraum verfaulten, Heiligenbilder und sakrale Figuren verschwanden und in kurzer Zeit geriet der gesamte Kult in Vergessenheit (FAUSER 1955). Der künstlich geschaffene Wasserabfluss der Felsenkammer verstopfte und das Quellwasser staute sich in dem ehemaligen Felsheiligtum. Die geflutete Felsenkapelle fand nun jahrhundertelang als Fischgrube Verwendung.

Nachdem der damalige Besitzer von Schloss Kugelhammer, Heinrich Meichsner, bereits 1517 gestorben war, hatte 1539 Sigmund Fürer der Ältere den burgähnlich ausgebauten Herrensitz gekauft und ließ vermutlich auch das Quellheiligtum renovieren. Er blieb bis zu seinem Tode im Jahre 1547 der Schloßherr und danach seine Ehefrau Barbara bis 1559. Diese erlebte 1552 im II. Markgrafenkrieg die völlige Zerstörung des Dorfes Röthenbach und des Schlosses Kugelhammer. Nach ihrem Tod ging der Besitz auf ihren Neffen Sigmund Fürer den Jüngeren über. Dieser ließ im Jahre 1561 als neuer Schlossbesitzer unmittelbar südlich des alten Quellheiligtums eine Kapelle errichten. Seine Beweggründe mögen teils religiöser, vielleicht auch gegenreformatorischer Natur gewesen sein, teils mögen ihn romantische Gedanken erfüllt haben, das Alte und Versunkene wieder zu erneuern. Ein später im Keller des Schlosses Kugelhammer aufgefundenes Steinrelief mit dem Fürer´schen Wappen und der Jahreszahl 1561 dokumentiert wohl den Kapellenbau und wurde später in die Felswand südlich des alten Quellheiligtums eingefügt.

Nach fast 200-jährigem Bestehen wurde die Kapelle restlos zerstört durch die "den 29. Sept. 1732 in der Nacht zwischen 9 und 10 Uhr zu Röthenbach b. Sct. Wolfgang niedergegangenen Wolkenbruch entstandene große Wasserfluth, welche unter anderm auch das schöne St. Wolfgangskapellein bei dem Kugelhammer ober der Fischgruben mit hinweggerissen" (Pfarrregistratur F VIII, Fasz. 1 f. 142, zit. in FAUSER 1955). Diese vollständige Vernichtung, bei welcher "das schöne und anmuthige Capellein (...) gänzlich niedergerissen und hinweggeführet, also dass man nicht einmal ein Vestigium finden können, wo solches vorher gestanden ist", veränderte auch das alte Quellheiligtum stark. In der Zeit nach 1732 entstanden der heutige Eingang sowie die Aussenmauern der ehemaligen Felsenkapelle. Damals wurde auch das Gewölbe über dem mittelalterlichen Wolfgangsheiligtum um 0,9 m nach Westen verlängert oder wieder aufgebaut und verblieb in diesem Zustand bis zum heutigen Tag.


Wegbeschreibung: Die Ortschaft Röthenbach b. St. Wolfgang mit dem Schloss Kugelhammer an ihrem Ostrand liegt im Lorenzer Reichswald am Zusammenfluß von Schwarzach und Gauchsbach, 13 km südöstlich der Altstadt von Nürnberg.


Wir danken recht herzlich Herrn Dr. Alfons Baier für die Erlaubnis der Veröffentlichung sämtlicher Texte und Bilder dieses, seines, Berichtes!!
Das Original des Textes mit umfangreichen geographischen, geschichtlichen und geologischen Informationen finden Sie hier bei Herrn Dr. Alfons Baier unter: http://www.angewandte-geologie.geol.uni-erlangen.de/kugel01.htm